"What's Wrong With You, People?" reviews in the german press.

LAUT
Fieser Weise denkt man bei Musik aus Italien ja immer noch gerne an Adriano Celentano, oder noch schlimmer, an Schmusekater Ramazzotti oder den berüchtigten Italo-Pop. Doch dass sich in Italien in den letzten Jahren - wie überall auch - eine feine Szene alternativer Musik entwickelt hat, die zu mehr taugt als zu Hintergrundmusik der Spaghettischlacht beim Italiener um die Ecke, ist unüberhörbar. Spätestens seit ihren Gigs im letzten Herbst als Support der Black Keys dürften auch Disco Drive hiesigen Ohren ein Begriff sein.
Live hinterließen sie mit ihrer geradezu grungesk anarchistischen Live-Show einige offene Münder. Disco Drive live sind eine tickende Zeitbombe aus purer Energie. Wie bannt man das auf Platte? "Power in my hand and I can't do nothing", mit diesen Worten empfangen uns Alessio, Andrea und Jacopo, und schon weiß man, wohin die Reise geht. Sie haben die Instrumente eingestöpselt, und doch scheinen sie ihnen nicht zu gehorchen. Die Drums entgleisen schon nach ein paar Takten, die Gitarre schrammelt scheinbar unbeherrschbar vor sich hin, und der Bass schlingert bedenklich. Großartiger kann ein Noise-Album kaum anfangen.
Mühsam bringen die drei den Song noch unter Kontrolle, doch das Lärm-Spektakel hat gerade erst angefangen. Um so erstaunlicher, dass sich die beiden folgenden Stücke "All About This" und "Move Along" durchaus zivilisiert anhören. Ersteres groovt lässig mit Off-Beat Hi-Hat, letzteres wirft die das Album betitelnde Frage auf. Disco Drive fragen sich, warum die Leute die erste Band immer nur ansehen, der zweiten zujubeln und erst bei der dritten tanzen. Keine Frage, die Rolle des Openers haben sie oft genug spielen müssen. Mit "Save Your Fire" kommt endlich der Lärm zurück. Die Gitarren dürfen wieder gequält aufkreischen, und alle drei singen und schreien durcheinander. Disco Drive schwanken immer zwischen Genie (Indierock) und Wahnsinn (Noise) hin und her, das erinnert von den Songstrukturen hin und wieder an die in den ewigen Jagdgründen weilenden Mclusky und macht "What's Wrong With You, People?" wirklich gut hörbar. Im Vorbeigehen machen sie noch die Revolution sexy: "Everything that you're told is a fucking lie/Clap your hands to the beat if you know what I'm sayin/Shake your booty, raise your fist if you're not feeling safer." Disco Drive schaffen den unwahrscheinlichen Spagat, ein noisiges Album so tanzbar zu gestalten, dass es durchaus das Prädikat tanzbodentauglich verdient. Sie machen ihrem Namen und ihrer selbst gewählten Definition der "Punk Rocking Soul Boys" alle Ehre. Für ein Debüt ist "What's Wrong With You, People?" sehr ordentlich gelungen, sogar die Trillerpfeife, das Samba-Hass-Instrument Nummer Eins kann man ihnen getrost verzeihen.
Mathias Möller

IN YOUR FACE (Rating 8 out of 10)
Das die italienische Küche vorzüglich ist, muss man hoffentlich niemandem mehr erklären. Dass es einige Damen und Herren aus dem selben Lande immer wieder verstanden, mit (teils überaus fragwürdigem) Italo-Pop erfolgreich auf den Dancefloor zu bitten, sollte ebenfalls bekannt sein. Was das mit DISCO DRIVE zu tun hat? Nun, die Herren aus Turin, die hier mit Gitarre, Bass und Schlagzeug antreten, die Musikwelt aufhorchen zu lassen, sind Meister des gewagten Klangmenüs, mixen auf geschmacklich äußerst reizvolle Weise Funk-Rhythmen mit Anklängen an die SONIC YOUTH der „Dirty“-Ära, wandeln mit Reggae-Würze auf den Spuren von THE CLASH, überbacken das Ganze mit ordentlich 80er-Jahre-Wave und vergessen auch nicht, einen effektvollen Spritzer Punk. Was dabei herauskommt, lässt in seiner gekonnten Reduziertheit jedem Instrument den nötigen Raum zur Entfaltung, wirkt luftig, sättigt also gewissermaßen, ohne schwer im Magen zu liegen, und das trotz eines ordentlich druckvoll produzierten Basses. DISCO DRIVE bringen den Tanzschuppen zum beben, kratzen am Lack der hippen Pop-Innenarchitektur und schummeln sich gleichzeitig unauffällig unter die zappelnde Menge, um ihr grinsend ins Gesicht zu schreien: „Everything, that you’re told is a fucking lie. Clap your hands to the beat, if you know, what I’m sayin’. Shake your booty, raise your fist…”. So sexy kann Revolution grooven. Aber Vorsicht: Diese Band ist nicht zum Kuscheln gekommen. Songs wie „The Leaving Feet“ zeigen, dass hier durchaus lustvoll der eine oder andere Arsch getreten wird. Ist das nun die italienische Antwort auf FRANZ FERDINAND? Auf BLOC PARTY? Auf wen auch immer – es ist schnurzpiepegal. Was zählt ist, dass dieses Trio mit „What’s Wrong With You, People“ ein Album vorlegt, das aufhorchen lässt – weniger durch neue Ideen, als durch die ungefilterte Energie, die es verströmt. Bleibt zu hoffen, dass es dieser Kapelle gelingt, den Limitierungen der heimatlichen Szene zu entkommen, damit die freudige Botschaft „I’m gonna bring you some more“ balsd schon im großen Stil erschallen kann...
Cristoph

OX # 61 August/September 2005 (Rating 7 out of 10)
Dieser Dreier aus Turin macht seinem Namen alle Ehre, wobei wir hier selbstredend nicht von Klassischen Disco Ende dere Seibziger reden, sondern von dem, den alle meinen, wenn sie über eine der momentan ach so angesagten Strömungen in der Untergrundmusik sprechen: Das gesuchte Kompositum ist natürlich "Disco-Punk". Eine Beschreibung von "What's Wrong With You, People?" im Stile von "das kling genau wie..." ware zwar zu arg, aber ich würde mich nicht wundern, wnn in vielen Besprechungen zu diesem Album der NAme Q And Not U fallen würde, und zwar mit Verweis auf die Phase zwischen dem grandiosen lärmenden "No Kill No Beep Beep" und dem Zeitpunkt, als sie anfingen Kinderinstrumente auszuprobieren. Da liegt, denke ich, bereits das größte Problem von Disco Drive. Gegründet haben sie sich im Jahr 2002, und wären sie dann hiermit rausgekommen, dann hätte amn ihnen das vielleicht abgenommen, nun aber wird jeder Hörer denken, so etwas gäbes shon. Und das ist ziemlich schade, denn ich persönlich bin eigentlich ein großer Fan dieser Art von Musik mit ihrer Lässigkeit und ihrem Groove.
Christian Meiners

INTRO
Eine wirklich gute Frage stellen diese italienischen Racker da im Titel ihres Debütalbums und liefern den Soundtrack zum ausgelassenen Genervtsein von der muffeligen Restmenschheit in entsprechend sexy-brachialer Manier dazu. Funky auf bollerig spröde Post-Punk-Art, inklusive eckig treibender Grooves, klirrender Gitarren-Miniaturen und wohldosierter Vokalhysterie, dürfte der geile Scheiß hier jede Baggersee-Fete ebenso in Brand setzen wie die Dancefloors und Konzertsäle dieser Welt.

INDIGO

Nach zwei 7"-Singles erscheint mit "What's Wrong With You, People?" das Debütalbum von Disco Drive. Das Turiner Post-Punk-Trio gründete sich 2002 und steht in der Tradition von Bands wie Gang Of Four bis Radio 4, Pere Ubu bis Swell Maps. In der kurzen Zeit seit ihrer Gründung ist die Band auf verschiedenen Tourneen auch hierzulande schon positiv aufgefallen. Produziert wurde "What's Wrong With You, People?" von Max Casacci, dem Gründungsmitglied der italienischen Bestseller-Band Subsoniax. Das Album besticht sowohl durch Spielfreude als auch durch seine stilistische Nähe zu den Originalen, die Disco Drive fast wie eine wiederentdeckte Band aus dem London der späten 70er Jahre klingen lässt. Absolut authentisch und mitreißend.

HAUSMUSIK
losgelöst vom trendbarometer britischer wochengazetten ist dieses album ein knaller! ein rockender bastard, aus..., na sag schon, aus... richtig. aber es rockt mehr, ist aggressiver, ist die punkversion, der räudige strassenköter des waverock. disco drive sind strasse und haben nie die kunsthochschule besucht. nix trendy london, nix hippes new york,... torino rulessicher, italien gehört nicht gerade zu den angesagten gegenden auf der welt-karte des rock. umso überraschender, dass disco drive sich zielsicher und selbstbewusst zeigen und den vorwurf des wellenreitens mit einem handstreich vom tisch fegen. disco drive is a punk-rock band from torino, italia.alessio natalizia plays the guitar. andrea pomini plays the bass guitar.jacopo borazzo plays the drums. everybody sings. excellent.

HOME OF ROCK
Wer sagt denn, das guter Indie Pop immer von der Insel kommen muss ? Nein, gute lärmig-krachige Mucke für den alternativen Dancefloor des Vertrauens gibt es auch in Ländern, in denen die Autos auf der richtigen Seite der Strasse fahren. DISCO DRIVE aus Turin beweisen mit “What’s Wrong With You, People ?“, dass sie tanzbaren, geschmeidigen, mit Referenzen achtziger Jahre versehenen Wave-Indie-Pop-Rock mindestens so kompetent beherrschen wie die üblichen Verdächtigen BLOC PARTY, GANG OF FOUR, INTERPOL oder FRANZ FERDINAND. Allerdings wirken DISCO DRIVE bei ihrem Debüt noch erfrischender, ungestümer, rauer und unkalkulierter. Man überzeuge sich davon nur einmal mit The Leaving Feet und Save Your Fire. Aber es geht nicht nur wild voran, die Jungs beherrschen auch den trickreichen Groove wie in Forward !.Dazu herrlich pointierte Lo-Fi-Sounds, tuckernde Gitarren, gefangen nehmende Rhythmen und ein leicht überdrehter Gesang (den sich alle Bandmitglieder in dem Trio ohne ausdrücklichen Chef teilen). Es ist so wie in der nervigen Werbung vom Dudelradio: das schönste aus den Achtzigern mit dem Besten von heute. Nur bei DISCO DRIVE fügt sich das wie von Zauberhand zusammen, wie Calling Calling beweist. Auch Safer Now marschiert unaufhaltsam und lässt alles zuckend und zappelnd zurück. Aber es ist ein zurück in die Zukunft mit DISCO DRIVE, denn die Piemonteser sind weit davon entfernt, eine öde Retroband zu sein. Das verdeutlichen sie nochmals nachdrücklich mit Better Is The New More mit seinen fesselnd kreiselnden Gitarren und dem schön verschroben-verschobenen Beat und dem abschließenden, alle Stimmungen auslotenden Computer Tomorrow, das zwischen ausgelassener Energiepumpe und nachdenklicher Zurückgenommenheit alles in sich birgt. Ein wirklich famoses Album aus der Fahrzeugmetropole. Die Tanzflächen nicht nur der norditalienischen Indieclubs sollten DISCO DRIVE, wenn es gerecht zuginge, mit diesem Album im Sturm erobern können. Und live sollte man sich dieses Trio Infernale schon gleich zweimal nicht entgehen lassen.
Ralf Stierlen

ONE TAKE
I´m gonna bring you some more", die Kernaussage des Openers klingt geradezu prophetisch. DISCO DRIVE aus Turin reihen sich auf den ersten Blick ein in die lange Schlange wild um sich zuckender Waverock-Bands, die im Fahrwasser der üblichen Verdächtigen (muss man sie noch nennen?) mit roten Ohren an den Türen der großen Musiksender klopfen. Dabei wird es dort drin schon bedenklich eng und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Hipsters sich abwenden. Jeden Tag mag ich euch weniger. Oder so ähnlich. Doch hört man genauer hin, erscheint dieses Schicksal weit weniger tragisch. Rockbands aus Italien sind es gewohnt, bestenfalls als Geheimtipp verschrobener Insider gehandelt zu werden, und es bedarf weniger der Erwähnung, dass dieses Album bereits vor über einem Jahr aufgenommen wurde, als vielmehr zweier halbwegs gesunder Ohren, um den Vorwurf der Trendhopperei als Reflex wegzuwischen. DISCO DRIVE sind drei junge Menschen, die ihrer Sozialisation mit billigem Euro-Disco-Trash aus farbstoffversetzte-Cocktails-servierenden Tanzschuppen nur den punkigen Mittelfinger entgegen zu setzen haben. Wo die KAISER CHIEFS mit schnoddriger Arroganz die Menschen auf der Tanzfläche vereinen, tanzen DISCO DRIVE für sich allein. Da wird mit den Ellenbogen geboxt, mit den Chucks getreten, um sich gespuckt und das Geld versoffen, das man den Touristen nachmittags aus der Tasche gezogen hat. Okay, das war eine Unterstellung. Hand und Fuß hat hingegen die Behauptung, dass DISCO DRIVE in bester Power-Trio-Manier aus den Boxen rocken und so mit sparsamsten Mitteln komplexe Strukturen erzeugen. Mehr VICTIM`S FAMILY als ... tja ... BLOC PARTY. Und obwohl nun doch die üblichen Verdächtigen beim Namen genannt wurden, brauchen sich DISCO DRIVE eines direkten Vergleichs nicht zu schämen. Mehr noch: sie besetzen ihre eigene Nische und die sieht es nicht vor, jemals für U2 das Publikum angemessen müde zu rocken. Punk´s not dead, er riecht nur oft schon sehr komisch. Umso schöner also, wenn mit "What´s wrong with you, people?" die Fenster sperrangelweit aufgerissen werden. Sollen die Nachbarn sich beschweren. Diesen Geheimtipp wird uns so schnell keiner nehmen können. Oder doch?
Daniel

UNCLE SALLY'S
Die 'Dischord'-Schule als Fernuniversität. Passend zur Sommerzeit begeben wir uns in südliche Gefilde und entdecken, dass es in Italien eine großartige Post-Punk-Szene gibt, die in Deutschland bisher leider noch kaum entdeckt worden ist. Disco Drive zum Beispiel sind auf ihrem Debüt-Album 'What's Wrong With People?' (Unhip Records/Hausmusik) um keinen Deut schlechter als ihre Vorbilder aus den USA. Q And Not U lassen grüßen, Enon und zwischendurch gucken auch mal Radio 4 vorbei. Sehr tanzbar, sehr poppig, aber genauso mit Ecken und Kanten.
Dietmar Stork

WHISKEY AND SODA
Unter dem etwas irritierenden Namen Disco Drive veröffentlicht das Quartett aus Turin einen durchaus nicht zu verachtende Alternative zu den Inselbands und es wäre unfair zu sagen, Disco Drive hätten den Anschluss verpasst. Käme diese Band aus Großbritannien, würde die Single schon längst in den Radios hoch und runter genudelt und das Album bewältigte mühelos den Eintritt in die Charts. Dennoch jenseits des Hypes um Bands wie Franz Ferdinand, Bloc Party, Kaiser Chiefs oder Maximo Park wird gute Musik immer ihre Berechtigung finden. Denn in ihrer Mischung aus Elektropunk mit gewollt verschrobenen Gitarren, die aber die deutliche Handschrift unverkennlicher Wavesounds der 80ern erkennen lassen, bietet vor allem der Opener "What's Wrong With You, People?" eine solide Startbasis für ein grandioses Album. Spätestens bei "All About This", der Überhammer der Scheibe, knallt es vollends. Mit Stücken wie "The Leaving Feet" oder "Better Is The New More" manifestieren Disco Drive ihren ganz eigenen Sound, der auf sensible Art auf eine ganz individuelle Abgefahrenheit und Druck zusteuert. "Calling Calling" kickt dann wirklich jeden Sitzengebliebenen auf die Tanzfläche, bevor mit dem letzten Stück "Safer Now" noch mal so richtig in die Saiten gegriffen wird. Disco Drive ist daher eine Band, die man sich wirklich vormerken sollte und die vor allem live richtig Spaß machen dürfte. Etwas zu abgespaced für den Mainstream, aber jenseits dessen ein absolutes Muss für jeden Musikgenießer.
Marie Leinhos

WASTE OF MIND
Auf den ersten Blick mag das so aussehen – dass eine Band aus der musikalischen „Provinz“, aus Italien, gerade das macht, was vor einem Jahr so angesagt war. DiscoPunk nämlich. Und auf den zweiten Blick? Da stellt sich heraus, dass man zuerst nicht richtig hingehört hat. Und dass Disco Drives Debütalbum „What’s Wrong With People?“ eine der besten Platten bislang in diesem Jahr ist. Wohl wahr: Die Musik ist punkrockig, und sie ist tanzbar. Aber was ist so schlimm daran? Dürfen seriöse Punks nicht tanzen? Natürlich dürfen sie: „Seriös heißt doch nicht, dass man nicht tanzen darf“, amüsiert sich Schlagzeuger Jacopo Barozzo. „Wir jedenfalls sind sehr tanzbar. Und sehr seriös.“ Also stört ihn das Label „DancePunk“ nicht? „Unsere Musik ist viel mehr als das, wie schon bei oberflächlichem Hören zu bemerken sein dürfte. Aber wir teilen auch unsere Einflüsse mit den DancePunk-Bands, die es heute gibt.“ Was ohne Zweifel richtig ist: Bands wie Gang Of Four oder Wire lassen sich hier heraushören, ohne dass die Platte antiquiert, schwer nach achtziger Jahre klänge. Nein, das hier ist aufregende Musik fürs Hier und Jetzt. Aber wer immer noch glaubt, die Band hechle einem Trend hinterher, dem sei gesagt: „Die Platte hätte schon vergangenes Jahr im Sommer herauskommen sollen.“ Und was ist so falsch an all den Leuten? „Eigentlich wollten wir uns mit dem Albumtitel nur lustig machen über all die Leute, die uns bei Konzerten anstarren statt zu tanzen. Aber dann merkten wir, dass es so viele Situationen gibt, wo die Menschen nicht aus sich herausgehen, weil es kein anderer tut. Und natürlich fasst der Titel auch unsere Sicht auf diese Welt zusammen.“ Also: Wenn ihr im Herbst auf ein Konzert von Disco Drive geht – und das solltet ihr dringend tun –, dann tanzt! Auch wenn es sonst keiner tut. Text: Dietmar Stork

CRAZEWIRE
Abseits der nach Trends und Hypes lechzenden Metropolen dieser Welt wird auch tanzbare Rockmusik von Format gespielt. Das haben unlängst Robocop Kraus aus Franken oder It’s Not Not und Delorean aus Spanien bewiesen, und das sich nun auch in Turin, Italien eine Band aufmacht, um den etablierten, überwiegend britischen Acts des Genres ein wenig von hinten in die Hacken zu tanzen, macht Freude! Wie der Name der Band sowie die Einführung dieser Besprechung erahnen lässt, spielen Disco Drive eben jene Art von Rockmusik, zu der sich eine ganze Generation von Indiekids in der Disko bewegt. Erfreulich, dass sie dabei nicht vergessen, woher sie kommen, und da der Autor es nicht besser beschreiben könnte, sei an dieser Stelle ausnahmsweise das Labelinfo zur Hilfe genommen: „Es rockt mehr, ist agressiver, ist die Punkversion, der räudige Strassenköter des Waverock. Disco Drive sind Strasse und haben nie die Kunsthochschule besucht. Nix trendy London, nix hippes New York, es sind die staubigen Strassen von Torino“. Passt wie die Faust aufs Auge. Neu ist das natürlich nicht, aber es macht Spass, und das ist im Endeffekt das, worum es bei dieser Musik geht. Hier ist also eure Gelegenheit, euren Hipster – Freunden einen Schritt voraus zu sein und eine gute Band zu entdecken, bevor andere es tun.
Tobias Gnädig

SELLFISH (Rating 7 out of 10)
Bei Lebensmitteln hinten im Kühlschrank lohnt es sich ja doch von Zeit zu Zeit mal aufs Veröffentlichungsdatum zu schauen, bei manchen Platten verhält sich das ähnlich, da sollte man zum Beispiel genau darauf schauen, wann die Songs entstanden bzw. aufgenommen worden sind, nicht so sehr darauf, wann die CD erscheint. Disco Drive kommen aus Italien und „What’s wrong with you, people?“ wurde bereits 2004 aufgenommen, die Songs sind zum Großteil sogar deutlich früher entstanden; bevor jetzt also jemand schreit: “Kennen wir doch alles schon, die Nummer mit dem verdammt tanzbaren Wave-Dance-Punk!“ Natürlich kennen wir das schon, aber nur weil bei manchen Plattenfirmen Musiknazis sitzen, die den neuesten Scheiß nur in Übersee oder auf der Insel suchen. Auf den zweiten Blick werden dann vielleicht mal Überbands wie The Robocop Kraus entdeckt oder auf den dritten Blick dieses Trio aus Turin. Gitarre, Schlagzeug, Bass. Genauso simpel wie gut und eben verdammt tanzbar. Disco Drive setzen eine gehörige Duftmarke, die nicht so schnell aus den Nasen und von den Tanzflächen verschwinden sollte. Vom Sound her stellenweise sehr ähnlich der aktuellen Robocop Kraus, knackiger Bass, manchmal schön schroffe Gitarrenparts und eben ein Schlagzeug, dass schon beim ersten Hören zuckende Beine verursacht. Auf den Punkt gebrachte Songs und die eine oder andere Textzeile zum Faust in die Luft recken. Zwei Nummern und zwei eindeutigere Hits mehr und diese Typen würden Bloc Party aus dem Club schubsen. So aber werden wieder viele desinteressiert zur Theke gehen, um Bier zu holen und wenn dann das nächste Album richtig zündet und wie eine Bombe einschlägt, will wieder vorher niemand was davon gewusst haben. Hiermit seid ihr gewarnt.
Sebastian Gloser

BLUEPRINT FANZINE (Rating 7 out of 10)
Ein Bandname und Albumtitel, die auch gleich als Komplettumschreibung der Musik dieses italienischen Trios herhalten können. Während das Schlagzeug im Opener ähnlich viel Drive mitbringt wie die Rhythmusfraktion von AT THE DRIVE-IN, möchte man den Leuten bereits „What’s wrong with you, people?“ zuschreien, die beim Konzert wie angewurzelt stehenbleiben und scheinbar unbeeindruckt der Musik zuhören. Die Energie, die den Opener ausmacht, wird jedoch gleich mit Song Nummer Zwei um einige Gänge zurückgeschaltet, um ab da dem Disco-Feeling mehr Platz einzuräumen. Ein wenig schade, da Einflüsse von GANG OF FOUR, RADIO 4 und ähnlichen heutzutage ja leider nichts ganz Neues mehr sind. Aber die Italiener werden ihrem Bandnamen am Ende doch gerecht und drehen den Punkfaktor bereits zwei Songs später mit „Save your fire“ wieder um ein paar Level weiter nach oben, und ab hier beginnt man zu verstehen, dass es die Mischung ist, die die Drei auszeichnet. Poppige Songs zum Mittanzen für die Girls und ordentliche Abgehnummern für die Boys. Dass am Ende auch die Jungs anfangen mitzuwippen und die Mädels ihre geballten Fäuste in den Himmel recken ist eine logische Konsequenz. Und der Beweis, dass NoWave-Punk nicht mehr in London oder New York, sondern in Turin zu Hause zu sein scheint.

ALTERNATIVE NATION

In Italien spielen laute Bands, wie fast überall in der westlichen Welt – und an einigen anderen Orten dieses Planeten. Disco Drive aus Turin ist eine dieser Combos. Eine Gemeinheit ist es, sie mit einem Vorwurf zu konfrontieren. Doch bleibt dieser momentan unausweichlich nah am ersten Eindruck. Tja, originell und inspiriert wäre wohl eine andere Art von Musik. Denn das Trio sucht eine Wirkungsstätte auf, welche in den letzten fünf Jahren bereits abfeiert wird. Der Kürze wegen, auch Plattitüdengebrauch bedeutend, einfach als Post-Punk-Revival zu bezeichnen. Deswegen wären Disco Drive eine wahnsinnig euphorisierende Offenbarung, wenn nicht in den letzten Jahren bereits – und die Beschränkung liegt in dieser unvollständigen Kurzform-Liste auf US-Highlights – unter vielen anderen Enon, Erase Errata, !!!, Radio 4, Hot Hot Heat, The Rapture und die Yeah Yeah Yeahs auf diesem speziellen Gebiet tätig wären. Die auf erste Punkwellen folgende Zeit zwischen 1978 und 1984 ist nun einmal so gründlich aufgearbeitet worden. Da kommen Disco Drive sehr spät via What´s Wrong With You People? ins Gesichtsfeld. Nun müssen Alessio, Andrea und Jacopo (fast) zwangsläufig als Nachzügler gelten. Doch Schluss mit Schwarzmalerei, mit solchen Vorurteilen wäre jedes weitere Singer-Songwriter-Album ein von Beginn an gescheiterter Versuch, eine dümmliche Unmöglichkeit etwas "Neues" zu schaffen. Dem kann bekanntlich widersprochen werden. Eine Schande wäre es, aufgrund von zeitlichen Umständen und Trend-Entwicklungen auf Disco Drive zu verzichten, die klanglich und strukturell irgendwo zwischen Gang Of Four und Radio 4, Fugazi, (International) Noise Conspiracy und At The Drive-In agieren. Unerbittlich nachdrücklich bis monoton aber funky spielen Disco Drive über weite Teile ihres Albums nah an den Vorbildern der ersten Stunde des Post Punk, darüber hinaus aber sind sie im Umgang mit der abstrahierten Renaissance der Genre-Spezifika bewandert. Die schraddelige Gitarre darf Rhythmusinstrument sein, ebenso kann verzerrt gelärmt werden, bis hin zu Rückkopplungen. Noise erfreut, das bleibt ein Faktum. Drängelnd und aufgeregt treibt der Disco Drive. Geht es wiederum, damit keine Langeweile aufkommt, in die Dub-Richtung, sind sie vor allem den Magnificient Clash und deren New Yorker Klonen – gemeint sind, gähn, noch einmal, Radio 4 - sehr nah, beispielsweise in: Forward! So kommt zusammen, was seit mehreren Jahrzehnten zusammengehört, die einzelnen Elemente des vital-brodelnden Gruppensounds sind mitreißende Kollisionen, bestehend aus aufgewühlten Rausruf-Vocals, einigen einladenden Singalongs, straight treibenden Drums, knackig rockenden bzw. dubbig wummernden Basslinien und einer durchaus emanzipierten Rhythmusgitarre. Ferner kommen beizeiten noch disco-tische wie dezent ausschweifende Percussion-Zugaben entfesselter Trommelhände hinzu. Also, What´s Wrong With You People? Mögt ihr keine Rhythmus-Tracks, genau richtig für eine ausgelassene Sommertanznacht unbestimmter Dauer?
Tobias Stalling

GAESTELISTE
Sie kommen aus Italien, klingen aber irgendwie britisch. Und derbe angesagt. Total hip eben und dadurch beim ersten Hörgang doch etwas oberflächlich und unnötig. Denn auf der Suche nach der nächsten New Wave trifft auf Punk-Combo ist doch niemand. Aber das sind Disco Drive auch gar nicht. Denn wir hören weiter und stellen tatsächlich fest: klasse Teil das. Sicher scheinen hier Franz Ferdinand, Bloc Party oder auch Radio 4 und aufgrund der immer wieder eingestreuten Elektronika auch The Killers durch. Sogar sehr deutlich. Doch das Doppel-D hat sich schön im Schlamm gesuhlt und kommt ein bis zwei Nummen rotziger daher. Die Songs sind wild und hemmungslos, der Schreihals am Mikro vermutlich auf Speed. Und die Platte wird von mal zu mal besser. Kleine Details werden hörbar, plötzlich machen sogar die instrumentalen Stellen auch nüchtern Spaß. Sicher machen Disco Drive keine Drogenmusik, aber wir wollen gar nicht wissen, wie es im Proberaum der Italiener aussieht...
Mathias Frank

MUSIC SCAN

Im Prinzip ist es eine Frechheit, dass manche Promoagenturen beziehungsweise Labels immer noch glauben, mit gebrannten Rohlingen und einem schwarz-weiß kopierten und per Hand ausgeschnittenen Artwork um die Ecke kommen zu können. Wo bleibt da der Anspruch an die Musik und die Kunst? Wie soll dabei eine sinnvolle Rezension herauskommen? Doch genug des Frusts, denn Disco Drive aus Turin haben durchaus Unterhaltsames zu bieten, das allerdings nicht gerade die Originalität mit Löffeln gefressen hat, denn fast zu jeder Zeit hört man die guten Franz Ferdinand durch, die auch an den Italienern nicht spurlos vorübergegangen sind. Begrüßenswert ist jedoch, dass man nicht alle Ecken und Kanten zurückgeschraubt hat, sondern schön rau und ungeschliffen agiert. Das könnte in einem etwas stickigen, rauchigen und schwitzigen Club noch viel besser funktionieren. Das Erfreuliche ist überdies, dass Disco Drive die Sache keineswegs schlechter machen, sondern praktisch viele Einflüsse 1 zu 1 übernehmen und sich dabei gar nicht mit einem schlechten Gewissen herumplagen müssen. Kann man mal machen, obwohl das schon nächstes Mal böse in die Hose gehen könnte.
Matthias


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